Details in Time


During our lifetime we spend many years traveling. In fact, we travel more than ever before in history due to the opportunities that modern mobility offers us. We pass public spaces and we encounter everyday things as we do so. Most of the time, we tend not to notice them. People, trains, trees, shop windows and pathways are just a few examples. These are details we just pay no attention to. But German photographer Thomas Wunsch does. It is the inconspicuous detail that catches his eye: an ashtray at a train station, the pattern on a rusty barrel, the texture of wet pavement or reflections in a window. This is what Thomas Wunsch highlights in his photographs. And he gives them a very special aura.


But there is more. Thomas Wunsch makes time visible in his pictures. Time is our most valuable asset. We try to hang on to moments in time, but one moment is quickly gone and the next one arrives. Time is not visible, it is untouchable. Time is abstract. Thomas Wunsch is searching for the time and catches it, but he does not freeze it by giving it permanence. The photographer expands time in space, taking his time. In each of his photographs we see several moments at once, like consecutive frames of a movie film fading into each other. He uses long exposure times and physical movement to achieve his goal, thereby visualizing time in space.


In his pictures spaces lose their outline and seem to disappear. It is the in-between spaces that Thomas Wunsch wants to fill in. Each photograph is scanned and subject to extensive digital alterations. Thomas Wunsch uses the tools that digital picture processing offers today - like a painter, who uses pigments, brush and easel.


His photographs depict many different subjects. By making those subjects abstract - beyond recognition - he confers them a special aesthetic value. It is in these pictures that we encounter a kafkaesque symbolism and a very different kind of emotion. We can get a sense of time and space, of movement, of security - or a lack of those qualities. In life, a fine line separates departure and fleetingness. Thomas Wunsch freezes fleeting moments that are coincidental, not staged. Coincidence is a key quality of his pictures that enables him to explore the myth of the ordinary. He is also a gentle and discrete observer, authentic yet never voyeuristic. He is also an aesthete whose attention to detail and sophisticated processing result in highly distinctive photographs.


Thomas Wunsch skillfully plays with our sensory perception. Our eyes are stimulated by light. The brain then interprets these stimuli and adds information to form a visual image. Imagination creates our view of the world by using the filters of our emotions, perceptions and experiences. It is like listening to music: some people feel nothing and hear only the sound of a song, while for others music sends shivers down their spine. It all depends on one’s personal view, and since his images are open to interpretation, Thomas Wunsch gives the viewer more than just a fixed view of the world. The viewer becomes part of his world. "What you see is what you get" is the photographer’s underlying concept.


His photographs are like mind maps that tell a story of their own. One is reminded of short stories or novels or fragments of memory whose parts are put together like a puzzle. Each photograph displays its own charm. Some show very fine shades of grey or color, others very strong contrasts. Thomas Wunsch prefers the square format because it is more democratic. In rectangular pictures, he says, the larger dimension always outweighs the smaller.


Looking at his photographs is an intimate experience in which the images become a part of the viewer. Thomas Wunsch is not a romantic, but his photographs have a magical and mysterious quality. They are also very rhythmic, so it is not surprizing that the German record label ECM publishes his photographs. Several CDs featuring his pictures were nominated for Grammy Awards in recent years.



New York Arts Magazine

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Bedeutsamkeit des Formlosen


 

Zu Beginn der 1950er Jahre widmeten sich zahlreiche Maler der abstrakt-expressionistischen Kunst, einer ungegenständlichen Bilddarstellung, die nicht mehr oder noch nicht Form war. Die Werke von Thomas Wunsch beziehen sich auf dieses Thema, bleiben ihm aber nicht starr verhaftet, sondern entwickeln eine ganz eigene Bildsprache.
 


 

Im Bereich der Fotografie ist eine abstrakt-expressionistische Bildgebung außergewöhnlich und auch artfremd. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass sich die Mehrzahl der Fotografen einer Bilderzeugung zuwenden, die Gegenständliches zum Thema hat. Es geht ihnen darum, den Zustand von Objekten zu einem bestimmten Zeitpunkt zu dokumentieren und so ihre Bildaussage zu formulieren. Wenn dort also der Bezug auf den konkreten Gegenstand für die Fotografie weitgehend bestimmend ist und das narrative Element einen hohen Stellenwert hat, so ist die künstlerische Position von Thomas Wunsch eher singulär. Seine Fotos, die abstrakt-expressionistische Strukturen zeigen, sind ein Vorstoß in das Reich der Gestik, das zuvor dem Medium der Malerei vorbehalten war. Sie sind ein Geflecht aus Farbflüssen, Passagen, Übergängen und Verzahnungen wider den klassischen fotografischen Themenkanon und formulieren eine Neudefinition des Mediums der Fotografie. Ebenso tragen sie zur Diskussion darüber bei, was Fotografie darf und soll.

Zugleich kommen die Fotoarbeiten von Thomas Wunsch so leichthändig und hingehaucht daher, dass sie den Eindruck erwecken können, sie seien wie nebenbei entstanden. Bei ihnen finden wir Strukturen, die viel Interpretationsspielraum lassen und eine eigene Welt formen. Lässt man sich auf diese Bilder ein, gelangt man in einen Bereich des Vagen, alles verschwimmt und verliert seine Identität, ein Ort nahe dem Nichts, des Unbestimmbaren und des Dunklen. Das liegt zum einen an ihrer formalen Strenge, zum anderen aber auch an den Schatten, Brüchen und Verwischungen, die diesen Werken innewohnen. Wir erkennen in diesen Fotografien vielleicht Aspekte von eigenen Beobachtungen oder Traumfragmenten. Durch die verschwimmenden Konturen, den fehlenden Bezugsrahmen und durch das Schattenspiel der Lichteffekte wird der Betrachter in einen Bereich hineingezogen, den er nicht mehr fassen und definieren kann. Wie bei Traumsequenzen bilden sich Silhouetten am gedachten Horizont, watteweiche Tiefen lassen den Betrachter versinken, und zwar im Bild, aber auch in seinen eigenen Gedanken, Wünschen und Hoffnungen.

 

So sind diese Fotografien wie ein Kurztraum am Tage, somnambule Motive, die nur noch durch transzendierendes Denken erfassbar sind und dabei von reinen Abbildungen zu Zeichen werden, die Tiefes und Übersinnliches indizieren.
 
Thomas Wunsch beweist, dass Transparenz, Raum, Inspiration und Ausdehnung ihren Niederschlag nicht zwangsläufig in gegenständlichen Fotografien finden müssen.

 

Der Künstler bezieht sich in seinem Werk auf das Mystische, das in den Dingen steckt, und das er erst herausarbeitet, damit es dann vom Betrachter herausgelesen werden kann. Es kommt also bei seinen Arbeiten ein Aspekt zum Tragen, den man bei gegenständlichen Bildern nicht sieht, nicht sehen kann. Deshalb lohnt es, sich lange in die Werke zu vertiefen.
 


 

Unabhängig von vorgefundenen oder inszenierten Realsituationen steht in diesen Arbeiten der individuelle, abstrahierende Blick des Künstlers im Vordergrund. Wenn für Thomas Wunsch vor allen Dingen das Angehen gegen eine motivisch gebundene Bildwelt wichtig ist und Hand in Hand mit dem Verzicht auf dokumentarische Abbildhaftigkeit geht, so ist das nichts anderes als seine Suche nach einer anderen Wahrheit. Hinter den Werken des Künstlers steckt der Drang nach dem Erkunden eines neuen Wirklichkeitsbegriffs, der sich einer Gefälligkeit verströmenden Kunst entgegenstellt, in dem er die Verlagerung des Interesses von einer statisch-bildnerischen Darstellung zu einer energetisch-dynamischen Bildwelt befördert.

 

Für Thomas Wunsch sind abstrakt-expressionistische Kunstwerke eine Radikalisierung, geknüpft an Findungen, die zugleich Seismograph subjektiver Innerlichkeit und Modellfall flukturierender Strukturen sein können. Der Bildträger wird in seinen Fotografien zur Arena eines Ausdrucksgeschehens, das nicht mehr illustrierend darstellt, sondern als Ablauf und Energie wahrgenommen wird.
 
Diese Herangehensweise gründet weder auf traditionellen Kompositionsschemata noch auf einer zuvor erarbeiteten Konzeption des Bildnerischen. Stattdessen zieht sie sich neben der Form als Hauptwert auch Subjektivität, Aktualität, Spontaneität und Zufall als gleichrangige Gestaltungspartner heran. Mit dem radikalen Zweifel an jegliche Verlässlichkeit wird die Erfahrung des Bruchhaften reflektiert und die Brüchigkeit von Wirklichkeit und Welt thematisiert. Geknüpft an individuelle Freiheit und verstanden als Suche nach dem Inneren der eigenen und der fremden Natur, zeigen diese Fotografien, dass die Ästhetik des Atmosphärischen mit visuellen Metaphern denk- und machbar ist, aber nie ohne die Sehnsucht nach dem Wesentlichen.

 

 

Susanne Kiessling